Pressestimmen

Auszüge:

 

"Dieses Buch wird Ihr Leben verändern." (Stadtkind Hannover)

 

"Shortstorys und Novellen in leuchtenden Bildern, gerade so gebaut, wie nur die besten Texte dieses nun wirklich anspruchsvollen literarischen Genres. Andreas Stichmann ist ein Ritter der Erzählung."
(Katja Lange-Müller, Laudatio zum Brentano-Preis 2009)

"Es ist atemraubend, wie präzise, klug und knapp der 1983 in Bonn geborene Autor schreibt, wie lässig, schön und floskellos" (WDR 1Live)
 
"Eine stille, helle, kleine Großartigkeit von einem Buch" (Stadtrevue Köln)
 
"Der knapp 25-jährige Autor hat elf großartige Erzählung geschaffen. Stichmann versteht es, auf ein paar Seiten kongenial das inhaltlich Wesentliche mit einer treffenden Sprache zu verbinden. Keiner der Texte geht einem so schnell wieder aus dem Sinn. Es sind die besten, prämienwürdigen Erzählungen in diesem Herbst." (Berliner Literaturkritik)
 

 

Rezensionen:

 

 

Zum Clemens Brentano Preis

 

Leipziger Internetzeitung

Zum Kranichsteiner Förderpreis

 

Echo

 

 

Oliver Uschmann

Am Erker, Zeitschrift für Literatur

Das Leben der Ebene

 

Im gebildeten Small Talk über die Gegenwartsliteratur ist der Satz „der studiert in Leipzig“ bereits zum Chiffre geworden. Er löst ungefähr die gleichen Assoziationen aus wie „der studiert in Tübingen“ oder „der studiert in Hildesheim“. Zwar weiß jeder, dass es analytisch fahrlässig wäre, sämtliche Autorinnen und Autoren, welche die Poetik-Institute dieses Landes hervorbringen, über einen Kamm zu scheren und doch kleben an dieser Schublade bereits kaum noch abknibbelbare Attribute. Handwerkliches Können im Sinne von Reduktion, Entschlackung und Klarheit zum Beispiel. Daraus folgend meist Lakonie, subtiler Humor, undramatische Tragik. Andreas Stichmann ist nach Michael Weins der nächste Könner der Kurzgeschichte, dem der Mairisch Verlag ein Forum gibt, wofür man ihm nicht genug danken kann. Denn die Erzählungen aus Jackie in Silber sind außergewöhnlich und wirken lange nach. Besonders auffällig ist, wie abgeklärt und desillusioniert dieser 25-Jährige jeder Form von Welterklärungsmodell begegnet. Auf der Ebene der Typen und Ideen ist das eine Literatur der Ebene nach allen gescheiterten ideologischen Bergen. Die 50-jährige Altlinke, die mit dem jungen Kerl ins Bett steigt und immer noch ihre bedeutungslose Zeitung macht. Die verwöhnte Nachbarsgöre von der Kunsthochschule und ihr langhaariger Freund, die sich vor dem Erzähler halbnackt befummeln und mit denen sich auch im wörtlichen Sinne „nicht mehr reden“ lässt. Oder, gleichnishaft grell, der zum Pflegefall gewordene ehemalige Rockstar Bob, der seinen Verfall im Krankenbett mit dem stoischen Weiterzitieren von Rock’n’Roll-Phrasen kaschiert und aus Prinzip nur Englisch spricht. Was Stichmann den Protagonisten über diesen Ex-Rocker sagen lässt, bringt das Gefühl einer Teilgeneration auf den Punkt, die reflektiert genug ist, um die vergangenen Revolten zu kennen, aber gerade deshalb weiß, dass sich mit den großen Gesten nichts mehr anfangen lässt. „Dort stirbt er, schon seit ich denken kann“, sagt Jonas über das Symbol ewiger Jugend und Rebellion, „ich  wurde eingeschult, als er starb, und jetzt stirbt er noch immer.“ Rock’n’Roll, Konzeptkunst, Sozialismus – alles ehemals Umstürzlerische ist in diesen Erzählungen verblasst oder bis zur Lächerlichkeit obsolet geworden. Und weil das Große nicht mehr funktioniert, geht der Blick auf das Kleine. Weg von Typen, hin zu Individuen. Die kann Stichmann mit wenigen Strichen so markant zeichnen, dass die Skizze die Tiefe eines ganzen Lebens spürbar macht. So sei hier exemplarisch die stärkste Geschichte „Goldbarrenmann“ hervorgehoben, in welcher ein abgebrannter Möbellagerbesitzer von seinem Sohn dazu motiviert werden soll, sein Leben in erfolgreiche Bahnen zu lenken. Das historische Motiv des Vaters, der seinen genügsamen bis faulen Sohn anstacheln muss, wird hier auf den Kopf gestellt. Die junge Generation wartet „immer noch auf große Explosionen“, die alte begnügt sich damit, im Fernsehen „Tiere in der Savanne“ zu sehen und eine Kleinanzeige im Stadtanzeiger zu schalten. Der Sohn hört von einer obskuren Radio-Promotion-Aktion, bei der jenem Hörer, der den „Goldbarrenmann“ mit einem bestimmten Codewort in der Stadt anspricht, hohe Geldpreise winken und träumt davon, wie sein Vater diese Chance ergreift, doch der lässt die Chance verstreichen. Er macht „Urlaub in der eigenen Stadt“, indem er sie mit dem Blick eines Fremden durchläuft und bleibt in seinem Lager „ganz bewusstlos und verträumt, wie ein Tier in einer Höhle. Er existiert einfach, ohne große Pläne. Und ich mag es, ihm dabei zuzusehen: Wie gründlich er dabei ist, wie er Löffelchen für Löffelchen schrubbt, wie das Geschirr durch das Waschbecken geht…“ Schlechte Autoren würden diese stoische Ziellosigkeit des Vaters in abgeschmackter Empörung als spießige Anpassung geißeln; bei Stichmann jedoch transzendiert sie zum weisen Zen eines Mannes, der es in einer Welt, in der alle Schlussstriche scheinbar schon gezogen wurden, von allen Figuren am richtigsten macht.  

Oliver Uschmann

Andreas Stichmann: Jackie in Silber. 144 Seiten. Mairisch. Hamburg 2008. € 14,90.